Auf dem Podium einer Veranstaltung zu sitzen oder eine Rede zu halten gehört zum täglichen Geschäft in der Politik. Es gehört dazu, dass das Publikum mich mit den Augen fixiert und jedes meiner Worte auf die Goldwaage legt. Aber man könnte das Spiel ja auch einmal umdrehen: schau Dir Dein Publikum an und rate, worum es gehen könnte.
Neulich, bei der ‘DLD women’-Konferenz in München (http://www.dld-women.com) wäre das nicht ganz so einfach gewesen. Ich saß mit Jill Lee (früher Siemens AG), Susanne Klöß (Accenture), Dalia Marin (LMU München) und Georg Graf Waldersee (Ernst & Young), moderiert von Wolfram Weimer (”Focus”) auf dem Podium. Wir diskutierten über Führung im Zeitalter der Frauen, ein Thema, das nach Anzugträgern in weißen Hemden schreit. Aber wie schön: im Publikum entdeckte ich nur fröhlich bunt angezogene Menschen, und es war eine wahre Freude für mich, zu sehen, welche Vielfalt Frauen in gesellschaftlich relavante Debatten auch optisch einzubringen haben. Leider ändert das (bisher) nichts daran, dass die Herren sich nach wie vor schwer tun, Macht an Frauen abzugeben. Werden sie nicht durch Quoten-Regelungen animiert, wird es nach Expertenmeinung noch etwa 614 Jahre (!) lang dauern, bis Frauen im Wirtschaftsleben endlich so vertreten sein werden wie es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht.
Tage später finde ich mich in Brüssel vor 1600 Zuhörern wieder: die ‘Internet-Regierung’ ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) trifft sich zum großen Forum (http://brussels38.icann.org/). Als Vertreterin des Europäischen Parlaments kann ich bei meiner Eröffnungrede dafür werben, dass Europa in der fast vollständig amerikanisch beherrschten Organisation endlich stärkeren Einfluss bekommt. Schließlich ist das Internet ein Weltereignis und kein amerikanisches, und in Europa leben mehr Nutzer als in Amerika. Das Publikum hätte ich an diesem Tag wirklich sehr gern einmal vom Rednerpult aus fotografiert. Zwar waren auch hier nicht sehr viele Zuhörer in Schlips und Kragen – aber fast alle hatten ihr zweites Ich auf dem Schoß. Ich habe – rein optisch – nicht zu Menschen gesprochen sondern zu aufgeklappten Laptops.











