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“Als Arbeitgeberin stehe ich vor der Frage: Sind ungleiche Gehälter von ökonomischem Vorteil?”
Silvana Koch-Mehrin hat der Politik den Rücken zugekehrt und eine Stiftung gegründet, um weibliche Abgeordnete weltweit zu vernetzen. Ein radikaler Schritt zurück in die Marktwirtschaft, wie sie meint, der sie u.a. dazu zwingt, die Gehälter mit ihren Mitarbeitern zu verhandeln. Doch wenn Frauen jetzt deutlich weniger verlangen als ihre männchlichen Pendants: Muss Koch-Mehrin auf faire Bezahlung achten – oder im Sinne der Wirtschaftlichkeit Unterschiede zulassen? Ein weit verbreitetes Phänomen und die Lösung der Brüsseler Jung-Stifterin.
Brüssel, den 30.07.2014 – Von Silvana Koch-Mehrin

Frauen sind Zahlengenies. Sie können sich unendlich viele Geburtstage merken, Telefonnummern, Kleidergrößen (die eigenen und die der Freundinnen), sie vergleichen resolut die Preise von Joghurt bei Aldi und Edeka im Kopf, und sie wissen sofort, wann Schuhe ein Schnäppchen sind. Aber: Wenn es darum geht, das eigene Gehalt zu verhandeln, scheinen Frauen zu oft noch von Arithmophobie, also der Angst vor Zahlen, geplagt.

Als Politikerin, während meiner Zeit als Abgeordnete im Europäischen Parlament, habe ich die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen kritisiert. Dass Frauen im EU-Durchschnitt mehr als 20 Prozent weniger verdienen als Männer für die gleiche Arbeit. Die Gründe sind vielfältig, aber leider gehören dazu auch Schüchternheit und falsche Bescheidenheit.

Nun bin ich seit einigen Wochen nicht mehr Abgeordnete. Ich habe eine Stiftung gegründet, das “Women in Parliaments Global Forum” (WIP), das weltweite Netzwerk der weiblichen Abgeordneten. Das ist ein radikaler Wechsel zurück in die Marktwirtschaft, weg von öffentlicher Bezahlung mit monatlichen Budgets aus Steuerzahlergeld. Die Finanzierung der Stiftung erfolgt derzeit aus privaten Zuwendungen. Das bedeutet auch, dass meine Mitarbeiter nicht mehr nach mit dem Geld aus der sogenannten Sekretariatspauschale im Parlament bezahlt werden, sondern wir die Gehälter verhandeln. In meinem Team sind elf Leute, drei Männer und acht Frauen, und Sie ahnen bereits, dass die Gespräche und Forderungen (geschlechtsspezifisch) unterschiedlich verlaufen. Als Arbeitgeberin stehe ich nun vor der Frage: Ist es ein ökonomischer Vorteil, den Mitarbeitern, die nicht viel gefordert haben (manchen Frauen), weniger zu bezahlen als den anderen? Arbeitsplätze in Belgien sind schließlich noch teurer als in Deutschland. Ist eine politische Überzeugung zwar nice to have, aber nur wenn man sie nicht selbst erfüllen muss? Welche unternehmerischen Argumente gibt es eigentlich?
Bei WIP ist das Team überschaubar und alle arbeiten intensiv zusammen. Die Tätigkeit erfordert schlaue Köpfe. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis man sich gegenseitig fragt, wer verdient was und warum. Nicht objektiv begründbare Unterschiede im Gehalt sind dann demotivierend und für eine Organisation destabilisierend. Wer sich unfair behandelt fühlt, wird seinen Weg woanders suchen. Also habe ich mich für Transparenz und nachvollziehbare Kriterien bei der Bezahlung entschlossen. Das wird in Einzelfällen zwar etwas teurer. Aber ich bin überzeugt, langfristig zahlt es sich auch wirtschaftlich aus.