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Interview im “manager magazin” zur Frauenquote in Aufsichtsräten

Frauen in der FDP sind Einzelkämpferinnen

Von Nils-Viktor Sorge

Brauchen Aufsichtsräte eine Frauenquote? Dringend, sagt FDP-Spitzenpolitikerin Silvana Koch-Mehrin im Interview mit manager magazin online und kritisiert die ablehnende Haltung der Bundesregierung scharf. Ihre eigene Partei zeige zudem am besten, wie man Frauen dauerhaft vergraule.

mm: Frau Koch-Mehrin, die wichtigsten Reformprojekte der Bundesregierung wie Atomausstieg, mehr Mindestlöhne und Ende der Wehrpflicht könnten auch von Rot-Grün kommen. Warum soll Schwarz-Gelb jetzt auch noch die Frauenquote unterstützen?

Koch-Mehrin: Wir sollten das Thema sachlich ohne diesen parteipolitischen, emotionalen Überbau diskutieren. Es ist nun mal Fakt, dass die europäische Gesellschaft massiv altert, und dass Frauen immer noch Schwierigkeiten haben, Familie und Karriere zu vereinbaren, für Männer hingegen stellt sich die Frage selten. Auch deshalb bedarf es klarer Regelungen, die mehr Frauen in die Unternehmen und die Top-Etagen der Wirtschaft bringen – das ist eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit Europas.

mm: Ist das nicht etwas übertrieben? Warum sollten die Firmen nicht freiwillig deutlich mehr Frauen befördern, wenn es ihnen hilft?

Koch-Mehrin: Wichtige Posten werden bisher meist mit Leuten aus dem direkten Umfeld der alten Chefs besetzt. Und die sind dann eben vorrangig männlich und weiß. Diese Vorgehensweise ist menschlich nachvollziehbar, man hat gern mit Leuten zu tun, die einem ähneln. Zahlreiche Studien von Unternehmensberatungen haben aber belegt, dass Firmen mit diversifizierten Führungsgremien besser wirtschaften.

mm: Zunächst schränkt eine derartige staatliche Vorgabe die Unternehmen in ihrer Freiheit aber ein. Kein Wunder, dass ihre Partei, die FDP, dagegen ist.

Koch-Mehrin: Europaweit wären laut EU-Kommission von der aktuell geplanten Regelung etwa 5000 Großunternehmen betroffen. Mittelständler fallen nicht unter die Richtlinie, obwohl die Gegner nicht müde werden, dies zu behaupten. Letztlich ist die EU-Frauenquote vor allem ein Symbol – und zwar ein wichtiges. Es trägt dazu bei, dass auch Vorstände dieses Thema diskutieren. Führungsgremien, die rein männlich besetzt sind, fragen sich selbst und werden gefragt, weshalb dies so ist.

mm: Die Quote betrifft Aufsichtsräte – fangen sie damit nicht am falschen Ende an? In vielen Firmen liegt der Frauenanteil in Vorstand und mittlerem Management deutlich unter 10 Prozent. Und dann sollen die Kontrolleure zu 40 Prozent weiblich sein – woher sollen diese Frauen kommen?

Koch-Mehrin: Dass ist eine Frage der Rechtsgrundlage. Die Vorstandsebene kann die EU nicht regulieren, auch wenn es derzeit elf EU-Mitgliedsstaaten in nationalen Gesetzen bereits tun. Ich habe keine Sorge, die mehren Tausend Frauen, die wir brauchen, sind schell zu finden. Es gibt doch ganz unterschiedliche Karriereverläufe, die in einem Aufsichtsratsposten münden. Manche Kontrolleure waren zum Beispiel vorher Minister, andere als Wissenschaftler tätig.

mm: Weshalb sind eigentlich so viele Frauen gegen die Frauenquote, darunter die Kanzlerin und prominente Liberale, wie Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger?

Koch-Mehrin: Manche meinen, eine Quote sei das Gegenteil von Qualifikation. Das ist Unsinn. Die Quote schafft fairen Wettbewerb, so wie das Kartellamt die Unternehmen vor Monopolen und Absprachen schützt. Auch das sind übrigens Einschränkungen, die Liberale aber begrüßen. Die Quote ist ein Stammtischthema, und der Wahlkampf beginnt gerade. Dabei sind die tatsächlichen Auswirkungen der Quote überzeugend. Sie bringt Veränderung, gutes Zureden und Freiwilligkeit hingegen leider nicht – den besten Nachweis darüber liefert die FDP selbst.

mm: Haben Frauen in Ihrer Partei keine Chance mehr?

Koch-Mehrin: Frauen in der FDP müssen Einzelkämpferinnen sein können, sie sind eine kleine Minderheit. Für jede Frau auf einem Posten müsste ein Mann gehen, dagegen werden natürlich die boys-networks mobilisiert. Der Frauenanteil sinkt – bei Wählern, Mitgliedern und Abgeordneten. In Hessen gehört der 20-köpfigen Landtagsfraktion eine einzige Frau an, in Baden-Württemberg gibt es keine einzige weibliche Abgeordnete der FDP. Gleichberechtigung ist leider ein Randthema geworden. Die FDP ist somit ein Beispiel für das, was passiert, wenn eine Organisation keine Frauenquote hat.