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Interview mit der Zeitschrift “freundin”

freundin: Frau Koch-Mehrin, wann haben Sie das letzte Mal den Vorwurf „Rabenmutter“ gehört?

Silvana Koch-Mehrin: Das passiert mir ständig. „Sehen Sie Ihre Kinder eigentlich?“ „Haben Sie genügend Zeit für sie?“ Das alles werde ich gefragt, mit unüberhörbaren Vorwurf und dieser Ungläubigkeit, ob das mit rechten Dingen zugeht.

Warum reagieren die Leute so?

Es gibt in Deutschland diese Idealvorstellung: „Die Mutter gehört zum Kind, und zwar mindestens die ersten drei Jahre.“ Daran werden wir gemessen. Dabei ist das kein Ideal, sondern nur eine Möglichkeit von vielen.

Und für Sie keine Option?

Nein. Ich wollte immer arbeiten, das hat mir Spaß gemacht. Und ich wollte viele Kinder. Sie sind das Wunderbarste, was es gibt. Aber ich habe auch ein Bedürfnis nach anderen Themen, nach einer anderen Art von Verantwortung. Ich fand es immer komisch, dass von mir eine Entweder–oder-Entscheidung abverlangt wird. Werden Männer das auch gefragt? Mein Lebensgefährte hat zum Glück von Anfang mitgezogen, die Kindererziehung als gemeinsame Aufgabe wahrgenommen.

Jetzt leben Sie mit Ihrer Familie in Brüssel. Wie regeln Sie den Alltag?

Mit viel Organisation. Alle Mädchen müssen nur in eine Einrichtung, weil hier Vor- , Grund- und weiterführende Schule in einem Gebäudekomplex sind. Danach könnten sie in eine Nachmittagsbetreuung, die 18 Uhr aus ist. Wenn sie das machen, treffen wir uns alle beim Abendessen. Früher haben wir uns statt Zweitwagen eine Kinderfrau geleistet, um flexibel auf Termine reagieren zu können.

Denken Sie ab und zu: Ich würde lieber bei meinen Töchtern sein statt im x-ten langweiligen Meeting?

Natürlich. Das gibt es aber auch umgekehrt. Bei manchem Kindergeburtstag dachte ich: Da hätte ich jetzt aber wirklich besseres zu tun. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass ich meine Kinder zu wenig sehe. Oder das ich ihnen sehr fehle.

Wächst Ihnen die Doppelbelastung manchmal über den Kopf?

Diese Momente kennt doch jede Mutter, oder? Dabei ist das größte Problem unser Perfektionszwang. Man will alles hundertprozentig machen. Und das geht einfach nicht. Ich kann nicht jeden Tag ins Fitnesstudio rennen. Ich kann nicht bei jedem Elternabend dabei sein, weil ich da auch mal einen beruflichen Termin habe. Ich bin nicht perfekt. Dafür habe ich meine „Extras“: einen Partner, Kinder und einen spannenden Beruf.

Können Sie in Worte fassen, wie wichtig Ihre Töchter für Sie sind?

Es ist letztendlich das, was in meinem Leben zählt. Alles andere ist spannend und interessant, ich möchte nicht darauf verzichten. Aber das könnte auch jemand anderes machen. Doch der Glücksmoment, wenn ich meine Handtasche aufklappe und eine handschriftliche Liebeserklärung meiner ältesten Tochter finde, ist für mich unbezahlbar.

(freundin, Ausgabe 05/2012, Mittwoch 8.02.2012, S. 95)