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Interview zur Sexismus-Debatte

Am Montag, dem 28. Januar 2013 gab Silvana Koch-Mehrin Rasmus Buchsteiner ein Interview zu der aktuellen Sexismus-Debatte. Das Interview wurde in mehreren Tageszeitungen gedruckt und kann hier im Wortlaut nachgelesen werden:

Sexismus-Streit in Deutschland: Die “Stern”-Journalistin Laura Himmelreich wirft FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle Anzüglichkeiten und Annäherungsversuche vor. Sollte sich Brüderle entschuldigen?

Koch-Mehrin: Herr Brüderle weiß bestimmt, was er tun sollte. Er braucht keine öffentlichen Ratschläge von mir. Mich hat die Offenheit von Frau Himmelreich beeindruckt, auch wenn es ihr eigentlich darum ging, ein negatives Porträt von dem FDP-Spitzenkandidaten zu verfassen, und nicht um eine Debatte über den real existierenden Sexismus. Dass die Debatte inzwischen weit über Herrn Brüderle und die FDP hinausgeht, ist für das Thema sehr gut.

Brüderle schweigt. Ist das der richtige Umgang mit einem Thema, das viele Frauen und offenbar auch Männer in Deutschland bewegt?

Koch-Mehrin: Ich würde mir in der Sexismus-Debatte substantielle Diskussionsbeiträge auch aus der FDP wünschen. Umfragen zeigen schließlich, wie viele Frauen, und auch Männer, bereits Übergriffigkeit und sexuelle Belästigung erlebt haben. Liberale streiten für das Ideal einer freien Gesellschaft ohne jede Diskriminierung. Deshalb sollte die FDP dieses Thema nicht ignorieren oder kleinreden, sondern über alltäglichen Sexismus offen mitdiskutieren.

Der Fall Brüderle hat bei Twitter eine heftige Debatte über alltäglichen Sexismus in Politik und Gesellschaft entfacht. Geht es hier um eines der letzten großen Tabuthemen?

Koch-Mehrin: Viele, die belästigt worden sind, buchen das als rein individuelle Geschichte ab. Die Debatte über den Stern-Artikel hat ein Ventil geöffnet. Das ist für viele Frauen das Signal: Es geht ja gar nicht nur mir so! Fast jede Frau kann über entsprechende Erlebnisse berichten. Es ist erschreckend, wie stark dumme sexistische Sprüche und offensichtliche Grenzüberschreitungen noch toleriert werden.

So wichtig diese Debatten auch sein mögen: Werden sie wirklich etwas verändern?

Koch-Mehrin: Schon das bloße Thematisieren bewirkt etwas. Damit steigt die Sensibilität für sexistisches Verhalten. Manche Traditionen werden hinterfragt. Es geht um gegenseitigen Respekt.

Zurück zur Politik: Ihr Parteifreund Wolfgang Kubicki hat einmal in einem Interview erzählt, er habe Sie “angebaggert”. Wo verläuft die Grenze zwischen Flirt und Belästigung?

Koch-Mehrin: Es ist schwierig, das nach Schema F auseinanderhalten zu wollen. Es kommt immer auf das eigene Empfinden an, was man selbst als verletzend und herabwürdigend empfindet. Es hängt vom Kontext, von der Tonlage und der Stimmung ab, in der man sich befindet. Natürlich ist man in der konkreten Situation manchmal wie in Schockstarre. Auch bei mir gab und gibt es solche Momente. Inzwischen kann ich meist mit einem dummen Spruch reagieren oder einfach weggehen.

Sie waren jahrelang eine der wenigen Spitzenpolitikerinnen der Liberalen. Wie kommt es eigentlich, dass sich so wenige Frauen in der FDP zuhause fühlen?

Koch-Mehrin: Minderheiten haben es immer schwer. Das gilt auch für die Frauen in der FDP. Männerzirkel machen anders Politik, haben ihre eigenen Rituale. Es gab mal eine hervorragende Postkartenaktion der Liberalen Frauen – ein Bild von einem Hinterzimmerstammtisch mit älteren Herren über 60 und der Botschaft: “Das wollen wir ändern.” Leider traut sich die FDP-Führung nicht an die wirklich wirksame Maßnahme heran: Die FDP braucht eine Frauenquote.